Aussteigen, umsteigen, einsteigen - erfolgreich selbstständig!
Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Sonja Bischoff
Universität Hamburg
Warum überhaupt selbstständig sein? Die Antwort liegt in der Frage nach der Alternative!
Ganz einfach ist die Antwort, wenn die Alternative "Arbeitslosigkeit" heißt. Selbstständigkeit ist allemal besser als Arbeitslosigkeit, denn dass, was man auf jeden Fall gewinnt, sind Erfahrungen.
Und wenn die Alternative "angestellt sein" heißt? Auch dann gibt es gerade auch für Frauen gute Gründe, die Alternative der Selbstständigkeit genauer zu betrachten und sich womöglich auch dafür zu entscheiden.
Einen sehr beachtlichen Grund konnten Sie am vorigen Dienstag in der Bild-Zeitung lesen; da war nämlich die von der Hans-Böckler-Stiftung erhobene Liste der Einkommen für Männer und Frauen abgedruckt, die in denselben Berufen tätig sind. Die Einkommensunterschiede zu Lasten der Frauen sind zum Teil erheblich - für Führungskräfte weise ich das in meinen empirischen Studien seit 20 Jahren nach.
Warum ist das so? Da spielen viele Einflussfaktoren zusammen eine Rolle, vor allem aber
Vorurteile gegenüber Frauen. Zumindest im mittleren Management, das ich seit 20 Jahren untersuche, hat sich da nichts geändert: Genauso viele Frauen beklagen heute wie 1986, dass sie auf ihrem Berufsweg am häufigsten durch Vorurteile alleine wegen ihres "Frauseins" behindert worden seien. Und das sind keine Hirngespinste dieser Frauen, sondern dahinter stehen konkrete, persönlich erlebte Diskriminierungen.
Wie kann man dem entkommen? Sich von Vorgesetzten unabhängig machen - was sich in der Regel auszahlt, und zwar in mehrfacher Hinsicht.
- Häufigster Grund für Unzufriedenheit der Frauen im mittleren Management ist die Qualität der vorgesetzten Führungsebene. Leider rangiert erst an zweiter Stelle das Gehalt, obwohl Frauen doch sehr viel häufiger als Männer diesbezüglich Grund zur Klage hätten. An dritter Stelle rangieren die verkrusteten Betriebsstrukturen und schließlich an vierter Stelle die Mitarbeiterausstattung, die bei den Frauen deutlich schlechter ist als bei den Männern.
Warum Selbstständigkeit? Weil dann nicht der Vorgesetzte oder die Vorgesetzte (was unter Umständen ein größeres Problem ist als wenn der Vorgesetzte urteilt, Frauen und Frauen - das ist ein eigenes Thema), sondern der Kunde die Leistung beurteilt, d.h. nicht Sie als Person, sondern Ihre Leistung wird durch den objektivierenden Filter des Marktes beurteilt. Dazu kommt ein gewisser "Frauenvorteil", der in den besonderen akquisitorischen Fähigkeiten der Frauen liegt, nämlich Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen. Denn nur so gewinnt und erhält man sich Stammkundschaft.
- Damit ist zumindest die Chance gegeben, mehr Geld zu verdienen, denn das Durchschnittseinkommen der Selbstständigen liegt hierzulande deutlich über dem der Angestellten.
So hatte ich - ganz unbeabsichtigt - in meiner letzten Studie auch solche Führungskräfte, die sich als "selbstständig" bezeichneten. Vergleicht man die Gehälter der selbstständigen Frauen mit denen der angestellten Frauen, so ist festzustellen, dass zwar auch die Hälfte der selbstständigen Frauen - genau wie die Hälfte der angestellten Frauen - weniger als 50.000 € pro Jahr verdient. Aber: Einkommen über 100.000 € pro Jahr erreichen immerhin 20 % der selbstständigen Frauen, von den angestellten Frauen sind es nur 7 %. Wenngleich Selbstständigkeit keinen Automatismus zum reich werden darstellt, die Chancen reich zu werden sind ohne Zweifel größer - auch für Frauen! Und Frauen brauchen den Reichtum mehr als Männer, weil sie einfach länger leben als Männer. An dieser Stelle möchte ich ein Zitat von William Somerset Maugham einfügen, dass ich an das Ende meines letzten Buches gesetzt habe: "Geld ist der sechste Sinn; der Mensch muss ihn haben - denn ohne ihn kann er die anderen fünf nicht voll ausnutzen."
- Und noch etwas fällt auf: Frauen, die selbstständig sind oder zum Eigentümerkreis eines Unternehmens gehören, haben deutlich häufiger und mehr Kinder als Frauen im Angestelltenverhältnis. Von den Frauen im Unternehmerinnenstatus haben 80 % Kinder, am häufigsten zwei; von den Frauen im Angestelltenstatus haben 52 % Kinder, am häufigsten eins. Und das, obwohl Frauen im Unternehmerinnenstatus deutlich längere Wochenarbeitszeiten angeben als Frauen im Angestelltenstatus. Warum das so ist? Frauen im Unternehmerinnenstatus können häufiger zu Hause arbeiten, Frauen im Angestelltenstatus ganz selten.
- Vielleicht auch daraus resultiert, dass Frauen im Unternehmerinnenstatus mit ihrer Arbeitssituation deutlich häufiger zufrieden sind (70 %) als Frauen im Angestelltenstatus (46 %). Nicht eine einzige Frau im Unternehmerinnenstatus sagt, dass sie unzufrieden sei; unter den angestellten Frauen sind es immerhin 3 %. Und fast die Hälfte der Frauen im Unternehmerinnenstatus sagt, dass sie mit ihrer Karriere weiter gekommen sei als ursprünglich erwartet, was nur auf ein Drittel der angestellten Frauen zutrifft.
Trotz aller dieser Vorteile sind Frauen weniger gründungsfreudig als Männer. Der jüngste Global Entrepreneurship Monitor von 2006 bestätigt, was schon seit neun Jahren zu beobachten ist:
- Frauen haben deutlich häufiger als Männer Angst davor, mit einer Unternehmensgründung zu scheitern (53 % der Frauen sagen das, nur 40 % der Männer).
- Nur 15 % der Frauen glauben, dass es in ihrem regionalen Umfeld in den nächsten sechs Monaten gute Gründungsgelegenheiten gibt, aber ein Viertel der Männer sieht das so positiv.
- Am größten ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Einschätzung ihrer eigenen Gründungsfähigkeiten: Nur 29 % der Frauen glauben, über solche Fähigkeiten zu verfügen, aber 48 % der Männern denken, dass sie solche Fähigkeiten besitzen. D.h., dass nicht einmal ein Drittel der Frauen, aber fast die Hälfte der Männer glauben, dass sie über Gründungsfähigkeiten verfügen. Die Folge ist, dass Frauen deutlich seltener gründen als Männer und - nebenbei bemerkt - Frauen in Deutschland auch deutlich seltener gründen als Frauen in anderen Ländern.
Auch meine Führungskräftestudie zeigt ähnliche Ergebnisse. Allerdings ist festzustellen, dass Männer häufiger als Frauen mit dem Gedanken der Selbstständigkeit spielen, aber auf die Frage, ob sie sich Selbstständigkeit fest vorgenommen haben, antworten mehr Frauen als Männer mit einem eindeutigen "ja"!
Andererseits lehnen mehr Frauen als Männer Selbstständigkeit für sich kategorisch ab. Sollte dahinter die Vorstellung von Sicherheit in der Angestelltenposition stehen, so kann man davor nur warnen, handelt es sich doch häufig nur um eine vermeintliche Sicherheit.
Was gibt wirklich Sicherheit? Einzig und allein der Glaube an sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten - und die damit einhergehende Übernahme von Verantwortung für sich selbst und andere. Und das heißt nicht nur, die Möglichkeit der Selbstständigkeit in Betracht zu ziehen, sondern auch für sich die Frage zu beantworten, wann, zu welchem Zeitpunkt man den Schritt in die Selbstständigkeit tun kann.
Der Entschluss auszusteigen ist das Eine, aber vor dem "Einstieg" in die Selbstständigkeit steht eine Phase des "Umstiegs", sprich der Vorbereitung, wenn die Gründung eines Unternehmens nachhaltig erfolgreich sein soll.
Was braucht man zum Erfolg?
- Eine starke Vision, die mich antreibt, die auch auf andere faszinierend wirkt. Die braucht man vor allem deshalb, weil immer wieder Zweifler in Ihrer Umgebung versuchen Sie zu verunsichern. Das ist kein böser Wille, meistens gut gemeint - und Folge des vergleichsweise geringen Ansehens von Unternehmern in unserer Gesellschaft. Andererseits sollte man die Zweifler einfach als Sparringspartner ansehen, schließlich helfen sie, die eigene Vision noch klarer zu erkennen.
- Sie brauchen eine solide Planung - nicht, damit unbedingt alles "nach Plan" läuft, sondern damit alternative Handlungsmöglichkeiten in der Schublade liegen, gerade für den Fall, dass bestimmte Entwicklungen nicht so eintreten wie erhofft. Denn Planung heißt nicht heute etwas für die Zukunft zu entscheiden, sondern sich klar zu machen mit welchen Zukünften möglicherweise zu rechnen ist.
- Vor allem brauchen Sie Kunden! Wenn Vorhaben scheitern, dann ist der wirkliche Grund immer, dass Kunden, die bezahlen, fehlen! Und Kunden bekommen Sie dann, wenn Sie Ihren Kunden mit Ihrem Angebot erfolgreicher, gesünder etc. machen, d.h. er muss sich mit Ihrem Angebot besser fühlen. Und der Kunde ist anspruchsvoll geworden:
- Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen,
- auch und gerade für individuelle Problemlösungen,
- d.h. es gilt die strategische Option des Optimums aus Individualisierung und Standardisierung zu realisieren. Individualisierung bedeutet eine kundenindividuelle hohe Qualität zu liefern, eine gewisse Exklusivität; Standardisierung ist notwendig um die Kosten niedrig zu halten, d.h. um entsprechend niedrige Preise bei aber auch angemessenen Margen stellen zu können. Das alles gilt besonders für den Dienstleistungsbereich, in dem die meisten Frauen gründen.
Und sie gründen meistens "klein", ca. 70 % der Gründungen von Frauen sind sogenannte "Solo-Gründungen".
Ist das ein Nachteil? Nein! Ganz im Gegenteil, kleine Dienstleistungsunternehmen weisen ebenso wie selbstständige Freiberufler eine Reihe von Erfolgsfaktoren auf, die in großen Unternehmen gerade wegen der Größe schwinden:
- Einheit von Produkt und Prozess: D.h. der Eingriff zugunsten des Kunden während der Erstellung der Leistung ist jederzeit möglich.
- Einheit von Zielen und Maßnahmen: Wer gleichzeitig über Ziele und Maßnahmen entscheidet wird niemals unerreichbare Ziele formulieren und niemals Maßnahmen in Erwägung ziehen, mit denen die Ziele nicht erreicht werden könnten.
- Einheit von Führung und Ausführung: Die Führung hat ausschließlich der Ausführung von Aufträgen zu dienen, und nicht irgendwelchen mikropolitischen Zwecken, was häufig in Großunternehmen der Fall ist.
- Einheit von Entscheidung und Verantwortung: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber in großen Organisationen immer wieder nicht zu finden, dass nämlich derjenige, der eine Entscheidung trifft, auch die Verantwortung dafür übernimmt.
- Einheit von Produzent und Verkäufer: Wer das, was er verkauft, auch selber produziert hat, hat eine überaus große Überzeugungskraft, die ihn in den Augen des Kunden besonders glaubwürdig erscheinen lässt, und damit gewinnt man Stammkunden.
Fazit: Gerade die "kleine" Gründung im Dienstleistungsbereich hat die Chance einer Kundenorientierung, wie sie sonst kaum gegeben ist.
Alles Theorie? Nein, alles auch Erfahrung, nämlich meine eigene, als ich über Nacht zur Omnibusunternehmerin wurde, ohne Vorbereitung. Dann muss man einfach schneller lernen. Darum bin ich fest davon überzeugt, dass jeder Unternehmer sein kann, wenn er nur muss.
Schöner ist es aber, wenn man es will und eine freie Entscheidung treffen kann und diese auch sorgfältig vorbereiten kann. Und Unternehmerin sein, d.h. erst einmal für die Kunden da zu sein. Man muss seine Kunden lieben, und nicht - wie die EDEKA sagt - seine Produkte: "Wir lieben Lebensmittel". Wenn man seine Kunden liebt, dann kann man sogar Erfolg in tot gesagten Branchen haben, z.B. als "Tante Emma Laden".
Wenn Sie ins Unternehmerlager einsteigen, werden Sie schnell merken, dass Sie sich ungebremst entwickeln werden, einen ganz persönlichen Gewinn haben werden, eine ganz persönliche Befriedigung erlangen, frei nach dem
Motto: Wir werden, was wir aus uns machen!
Und schließlich:
Ist nicht das ganze Leben ein Unternehmen? Gewiss nicht ohne Risiken, aber auch mit einer Fülle von Chancen!
Ergreifen Sie die Chancen - und gehen Sie klug mit den Risiken um!